VorFREUDE oder VorSORGE? – Betreuung in der Schwangerschaft

So langsam geht es auf den ersten Geburtstag unseres Herzenszwerges zu und neben den Überlegungen, wie wir diesen feiern wollen, denke ich auch oft an “letztes Jahr um diese Zeit“ zurück. An die Zeit, zu der ich kugelrund war und voller Aufregung und Vorfreude auf die Geburt, die uns unseren kleinen Bauchzwerg endlich kennen lernen lassen würde.
Doch das war nicht von Anfang an so.

Meine Erfahrung

Ich hatte das Glück einer völlig komplikationslosen Schwangerschaft, eines schönen Geburtserlebnisses, das mich aufgrund des Tempos etwas überrumpelt hat und schließlich – und das ist das wichtigste – durften wir ein wundervolles, gesundes Baby im Arm halten. Dieses Glück (und das meine ich so, denn es ist trotzdem nicht selbstverständlich!) teile ich mit ganz vielen anderen Menschen, denn 97% aller Babys kommen gesund zur Welt. Diese Zahl war mir bereits früh in der Schwangerschaft bekannt und sie hat mich optimistisch nach vorne blicken lassen. Als mein Mann und ich erfahren haben, dass ich schwanger bin, waren wir voller Vorfreude. Doch bereits der erste Arztbesuch, auf den ich mich eigentlich gefreut hatte, brachte die Ernüchterung. Ich bekam einen Stapel an Broschüren in die Hand gedrückt mit der Bitte, diese genau durchzulesen. Nicht etwa zu Themen wie Ernährung in der Schwangerschaft, nein, es ging dabei ausschließlich um Vorsorge-Untersuchungen und zusätzliche Screenings und Tests, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden – kurz, die ganze Bandbreite dessen, was die moderne Medizin auf diesem Sektor zu bieten hat. Plötzlich fühlte ich mich so gar nicht mehr “guter Hoffnung“, sondern eher wie ein schwer erkrankter Patient. Des Weiteren erfolgte die Empfehlung, unsere Katze am besten gleich abzugeben, da ich keinen Immunschutz gegen Toxoplasmose hätte, wie ein Bluttest (den ich selbstverständlich selbst zahlen musste) ergab. Die Einstellung des Arztes wurde in einem späteren Termin deutlich. Mein Mann fragte nach dem Ultraschall “Ist denn alles in Ordnung?“ und seine Antwort war “Also, das kann man so natürlich nicht beantworten, es kann immer etwas nicht in Ordnung sein!“ Erst auf das weitere Nachbohren meines Mannes (“Aber soweit sie erkennen können, ist alles gut?!“) kam ein zögerliches “Ich kann im Moment erstmal keine Auffälligkeiten fest stellen.“.
Ein anderes Mal erzählte er uns, was für ein hohes Risiko er doch mit der Behandlung von Schwangeren trage. Ich frage mich immer noch, wie er darauf gekommen ist, denn wohl kaum ein Arzt behandelt so viele kerngesunde Menschen, wie der Gynäkologe in der Schwangerschafts-Vorsorge.

Nach den Untersuchungen verließ ich die Praxis jedes Mal mit einem Kloß im Hals. Da der Arzt sich außerdem weigerte, auch meine Hebamme einen Teil der Vorsorge-Untersuchungen machen zu lassen, wechselte ich die Praxis. Aber ich kam im Grunde genommen vom Regen in die Traufe. Wieder Diskussionen über die Beteiligung der Hebamme an der Vorsorge, wieder versuchte man mich zu zusätzlicher Diagnostik zu überreden, mir teure Nahrungsergänzungsmittel aufzuschwatzen und redete mir das ausgesuchte Krankenhaus schlecht, da dieses keine direkt angeschlossene Kinderklinik mit Neugeborenen-Intensivstation hatte.

Letztlich setzte ich mich über all das hinweg, machte die Vorsorge in der zweiten Schwangerschaftshälfte fast nur noch bei meiner Hebamme und langsam wich die VorSORGE der VorFREUDE. Im Gegensatz zu den getakteten Terminen beim Arzt nach oftmals sehr langer vorheriger Wartezeit in der Praxis, fand die Hebammen-Vorsorge bei uns zu Hause statt. Mit genügend Zeit für meine Fragen und Unsicherheiten. Mit positivem Blick nach vorne, auf das, was auf uns zu kommen würde, auf die Geburt. Ich begann, mich auf den großen Tag zu freuen und entwickelte ein vertrauensvolles Verhältnis zu meiner Hebamme, die uns auf unserer Geburtsreise begleiten würde.

In der Schwangerschaftsvorsorge meinen eigenen Weg zu gehen, erforderte Mut. Denn wer möchte schon fahrlässig mit dem heranwachsenden Leben umgehen und nicht alles mögliche getan haben, um diesem kleinen Wesen einen guten Weg ins Leben zu ebnen? Genau dieses Gefühl vermittelten die Ärzte mir bei jedem Termin, wenn ich bestätigte, dass wir wirklich keine Zusatz-Untersuchungen machen wollen würden. Denn mein Mann und ich hatten früh in der Schwangerschaft beschlossen, dass eine mögliche Behinderung des Kindes für uns keine Konsequenzen haben würde. Ich musste lernen, selbst Verantwortung für unsere Entscheidungen zu tragen und in mich hinein zu horchen und auf mein Bauchgefühl zu vertrauen.
Damit wurde die Schwangerschaft zu einer Erfahrung, die mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung weiter gebracht hat.

Über Sinn und Sicherheit

Die Frage hinter dem Ganzen ist ja: Wie sinnvoll sind all die angebotenen Untersuchungen? Warum bieten die Ärzte Untersuchungen an, die die Mutterschafts-Richtlinien und die Leistungen der Krankenkassen weit übersteigen? Und vor allem: Bieten die Untersuchungen wirklich Sicherheit?

Viele der angebotenen Untersuchungen bieten entweder kein sicheres Ergebnis, wie z.B. die Nackenfaltenmessung, die lediglich eine statistische Wahrscheinlich für das Vorliegen einer Trisomie ermittelt. Andere Untersuchungen, die ein recht sicheres Ergebnis liefern können, gehen dafür mit einem Risiko für das Ungeborene einher. Hier ist die Amniozentese, die Fruchtwasserpunktion, zu nennen, die dann durchgeführt wird, wenn aufgrund anderer Tests bereits Auffälligkeiten bekannt geworden sind. Und letztlich kennen wir sie alle: Die Geschichten von Kindern, die angeblich schwer krank zur Welt kommen sollten, aber kerngesund waren. Genauso wie die Fälle, in denen eine Erkrankung des Kindes die ganze Schwangerschaft lang unentdeckt blieb.

Ja, die moderne Medizin kann viel, keine Frage. Manchmal kann sie Leben retten und wir sind dankbar, dass es sie gibt. Aber sie kann uns niemals eine hundertprozentige Sicherheit geben, erst recht nicht im Bezug auf heranwachsendes Leben. Nicht umsonst antwortete unser Arzt so ausweichend auf die Frage meines Mannes, ob alles in Ordnung sei. Ärzte müssen sich heute gegen vieles absichern, die Angst vor Rechtsstreitigkeiten sitzt ihnen im Nacken. Wer heutzutage für einen operativen Eingriff in Narkose gelegt werden soll, muss vorher erstmal “sein eigenes Todesurteil unterschreiben“, wie meine Mutter es mal treffend formuliert hat.

Es ist also eigentlich mehr als offensichtlich, dass der Schein trügt, dass es diese Sicherheit gar nicht gibt. Niemand kann einer Schwangeren versprechen, dass sie am Ende ein gesundes Kind in den Armen halten wird, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür hoch ist. Die Natur lässt sich leider nicht in die Karten gucken. Vielleicht ist eine Schwangerschaft und die Geburt eines der letzten großen Abenteuer in unserer Zeit des sonst so kontrollierten und durchgeplanten Alltags. Das sind wir einfach nicht mehr gewohnt und uns darauf einzulassen, ist nicht leicht. Es heißt loszulassen, zu vertrauen und das Schicksal anzunehmen, gleich, was kommen mag. Auch hier versucht der Mensch gerne, die Kontrolle zu übernehmen, was sich zum Beispiel in den hohen Zahlen geplanter Kaiserschnitte zeigt, aber es gelingt ihm trotzdem nur bruchstückhaft.

Individuelle Entscheidung

Auch wenn meine persönliche Meinung zu diesem Thema deutlich geworden ist, wünsche ich mir eigentlich nur, dass Frauen und werdenden Eltern eine individuelle Entscheidung zugestanden wird. Jedes Paar sollte sich mit der Frage beschäftigen, welche Konsequenzen ein Ergebnis hat, bevor man irgendeinem Test zustimmt. Nutzen und Risiko sollten abgewägt werden und dabei darf nicht der Geldbeutel des Arztes im Vordergrund stehen, sondern die individuelle Situation der werdenden Eltern. Wenn eine Frau zum Beispiel sehr ängstlich ist, vielleicht sogar aufgrund vorangegangener schlimmer Erlebnisse, und ihr eine zusätzliche Ultraschall-Untersuchung hilft, entspannter durch die Schwangerschaft zu gehen, dann kann das ein ganz persönlicher Nutzen sein, der ihr und dem Ungeborenen zugute kommen kann. Andererseits finde ich es nicht in Ordnung, welcher Druck oft auf Frauen ausgeübt wird, die auf Schwangerschaft und Geburt als natürliche Vorgänge vertrauen wollen und sich für eine außerklinische Vorsorge und Geburt entscheiden. Oder die einer Geburtseinleitung nicht zustimmen möchten, weil sie darauf vertrauen, dass ihr Baby sich schon von alleine auf den Weg machen wird, wenn es soweit ist. Ärzte sollten beratend aus medizinischer Sicht zur Seite stehen. Da aber auch sie den Ausgang der Situation niemals hundertprozentig prognostizieren können, ist es umso wichtiger, dass die werdenden Eltern ihre Entscheidungen individuell treffen können, ohne ein schlechtes Gewissen dafür gemacht zu bekommen. Damit sie dahinter stehen und hinterher sagen können “Zu dem Zeitpunkt haben wir für uns richtig entschieden“.

Schwangerschaft und Geburt sind so eine wichtige, prägende Erfahrung für alle Beteiligten im Leben einer werdenden Familie. Und leider gibt es viel zu viele Geschichten von sorgenvollen Schwangerschaften und traumatischen Geburtserfahrungen. Einige davon wären sicher vermeidbar, wenn wir manchmal mehr auf das Bauchgefühl, das wir uns ansonsten in unserer heutigen Zeit so erfolgreich abtrainiert haben, hören würden.

Ich freue mich über eure Gedanken zu diesem Thema!

2 Kommentare bei „VorFREUDE oder VorSORGE? – Betreuung in der Schwangerschaft“

  1. Liebe Lea,

    ein wirklich spannendes Thema hast du hier angesprochen – ich möchte schon seit ein paar Tagen darauf reagieren, heute komme ich endlich dazu.
    Bei mir brauchte es tatsächlich die dritte Schwangerschaft, um exakt dieselben Erfahrungen zu machen wie du, sowohl in der Vorsorge beim Gynäkologen als auch in der Geburts-„Planung“ (ebenso wie du, sehe ich diesbezüglich eine Planbarkeit als eher eingeschränkt möglich, v.a. wenn man seinem Kind die Möglichkeit überlassen will, sich ohne viel Außeneinwirkung zu entwickeln und auch den Zeitpunkt der Geburt selbst zu bestimmen).
    Bei meinen ersten beiden Kindern hatte ich das seltene Glück einer Frauenärztin, die gerne engmaschig mit der Hebamme zusammen arbeitete und auch zu den scheinbar wenigen Gynäkologen gehörte, die einem weder sämtliche Zusatzuntersuchungen versuchte aufzuschwatzen, noch einen gesteigerten Wert auf Spezialklinken mit Kinderintensivstation legte, sofern eine Schwangerschaft unauffällig verlief.
    Dass dies eher eine Seltenheit zu sein scheint, musste ich feststellen, als unser ‚drittes kleines Wunder‘ auf dem Weg war und wir durch Umzug auf eine neue Ärztin/neues Kkh angewiesen waren. Obwohl es meine dritte Schwangerschaft war, wurde ich verunsichert wie noch nicht zuvor. Ich war zwar noch 34, aber da ich im Laufe der Schwangerschaft 35 wurde, ließ ich mich tatsächlich zu dem Ersttrimester-Screening überreden (im Nachhinein ärgert es mich und auch da schon war mir klar, dass das Ergebnis eigentlich weder repräsentativ ist, noch irgendetwas ändern würde). Aber man gab mir zu verstehen dass alles andere fahrlässig sei und ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht danach handeln würde.
    Des weiteren stand mir ein kleiner Eingriff in der Schwangerschaft bevor, den die Gynäkologin und das hisige Kkh zum Anlass nahmen, mich zu einem geplanten Kaiserschnitt zu bewegen. Ich war froh, als meine Beleghebamme in die Vorsorge mit einstieg und mir Mut machte, mich dagegen zu wehren. Wir erkundigten uns welche Kliniken es gibt, für die dies kein Grund ist, ein Kind vorzeitig per Kaiserschnitt zu holen und fanden auch eine entsprechende Adresse in Köln. Die geteilte Vorsorge mit der Hebamme wollte man in der Frauenarzt-Praxis auch regelrecht unterbinden, so dass ich mich dazu entschieden habe, nach der dritten und letzten großen Ultraschall-Untersuchung, keine weiteren Termine mehr in der Praxis zu machen und das letzte Drittel ausschließlich noch von meiner Hebamme machen zu lassen.
    Es war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten. Und so kam unsere kleine Tochter vor gut einer Woche, zwar ein paar Tage über Termin, aber freiwillig und ohne die vielen Zusatz-Untersuchungen im Vorfeld gesund und munter zur Welt. Das war letztendlich mein einziger Wunsch – dass sie selbst entscheiden darf und wir Vertrauen haben können, dass sie ihren Weg schon gehen wird und zwar dann wen für sie der richtige Zeitpunkt ist. Dieses Vertrauen schenkte mir leider auch weder die Klinik noch die zuständigen Gynäkologen, sondern ausschließlich meine Hebamme.
    Natürlich hast du auch vollkommen recht, wenn du sagst, dass es Situationen und Vorgeschichten in Schwangerschaften gibt, die eine besondere Vorsicht und spezielle Diagnostik sinnvoll machen und da ist es gut, dass es diese Möglichkeiten gibt – ohne Frage! Aber dennoch hinterlässt das was viele Gynäkologen eben als ‚Standard‘ mit Nachdruck empfehlen und auch der Druck, den man bekommt, wenn die Hebamme zu sehr das Ruder zu übernehmen droht, den faden Beigeschmack, dass einfach an jeder x-beliebigen Schwangeren so viel Geld wie möglich verdient werden soll und das finde ich persönlich auch nicht nur ärgerlich, sondern es schmälert leider auch das was an diesen einzigartigen Monaten das allerwichtigste sein sollte: die Vorfreude auf das neue Leben, das da in einem heranwächst, das Vertrauen auf den eigenen Körper und auf sein Baby, das den ganz eigenen Weg schon wählen wird und die Zuversicht, die es braucht, um die Geburt als das zu erleben, was es letztendlich immer wieder ist: ein großartiges Wunder. Auch beim dritten Kind ist es immernoch wie beim ersten Mal – so etwas wie ‚Routine‘ gibt es nicht, man braucht dieselben Hoffnungen und das gleiche Vertrauen in sich selbst und sein Kind. Dementsprechend bin auch ich froh über den positiven Einfluss meiner Hebamme in der Vorbereitung auf den großen Tag, der es unserer kleinen Maus ermöglicht hat, es letzendlich so gut auf die Welt zu schaffen.

    1. Vielen Dank für deinen Erfahrungsbericht, liebe Hanna! 🙂 Schade, dass du solche Erfahrungen in der dritten Schwangerschaft auch noch machen musstest… Es scheint wirklich oft so zu sein, dass die Hebammen-Vorsorge mehr Möglichkeiten für eine individuelle Entscheidung bietet als die der Ärzte.

Schreibe einen Kommentar